Die virtuelle Erbschaft

Der Nachlass eines verstorbenen Erblassers besteht aus dessen gesamten Vermögen sowie allen Verbindlichkeiten, die dieser zum Zeitpunkt seines Todes Dritten gegenüber hatte. In Anbetracht dessen kann es mitunter schwierig sein, zunächst in Erfahrung zu bringen, woraus die Erbmasse im Einzelnen besteht. Immobilien, Bankguthaben, Fahrzeuge und andere derartige Vermögenswerte lassen sich ebenso leicht recherchieren wie Kredite und Hypotheken und bereiten dem Nachlassgericht im Rahmen eines Nachlassverfahrens in der Regel keine allzu großen Schwierigkeiten. Das digitale Zeitalter sorgt aber oftmals für eine deutlich höhere Komplexität, denn wenn der Verstorbene auch einen digitalen Nachlass hinterlässt, kommt es zu einer virtuellen Erbschaft.

Der digitale Nachlass

In erster Linie sollten sich die Hinterbliebenen damit befassen, was man überhaupt unter einem digitalen Nachlass versteht. Accounts und Daten des verstorbenen Erblassers im Internet werden im Allgemeinen als digitaler Nachlass bezeichnet. In den meisten Fällen wird diesem keine allzu große Bedeutung beigemessen, schließlich verbirgt sich hinter einem Benutzerkonto bei einem sozialen Netzwerk in den meisten Fällen kein wirtschaftlicher Wert, der Einfluss auf die Erbschaft hätte. Obwohl sich diese Annahme häufig bewahrheitet, kann es sich auch durchaus anders verhalten. Immer mehr Menschen entdecken das Internet für sich und nutzen dieses unter anderem beruflich, um hier ein Einkommen zu erwirtschaften. In sozialen Netzwerken, Blogs sowie auf Webseiten ergibt sich so ein enormes Potential, das man nicht unterschätzen darf.

Darüber hinaus darf man auch nicht vergessen, dass es überaus irritierend sein kann, online auf das aktive Profil eines Verstorbenen zu stoßen. Aber auch wenn der Erblasser das Internet beispielsweise gewerblich genutzt hat und Inhaber mehrerer Webseiten war, müssen sich die Hinterbliebenen hierum kümmern und sollten sich daher intensiv mit ihrer virtuellen Erbschaft befassen. In der Theorie klingt dies noch einfach, in der Praxis kann dies allerdings ein schwieriges Unterfangen werden. Zunächst gilt es festzustellen, woraus der digitale Nachlass des verstorbenen Erblassers besteht. Anschließend muss man sich Zugang hierzu verschaffen, was in Ermangelung einer Auflistung der betreffenden Zugangsdaten recht langwierig und diffizil werden kann.

Für den eigenen digitalen Nachlass vorsorgen

Als künftiger Erblasser, der im Internet aktiv ist und die Online-Medien auf unterschiedlichste Weise nutzt, kann man für den eigenen digitalen Nachlass vorsorgen und Vorkehrungen treffen, um sicherzustellen, dass die virtuelle Erbschaft, die man seinen Lieben hinterlässt, geordnet vonstattengeht und den persönlichen Vorstellungen entspricht. Vielen Menschen ist dies allerdings noch nicht so sehr bewusst, denn wenn es um eine Erbschaft geht, denkt man in erster Linie als materielle Vermögenswerte, wie zum Beispiel Geldmarktkonten, Gründstücke oder Immobilien erben.

Der digitale Nachlass sollte im Rahmen der privaten Vorsorge für den eigenen Erbfall unbedingt auch berücksichtigt werden. Hierzu bedarf es grundsätzlich keines Testaments, aber gewisser Vorkehrungen. Um seinen Hinterbliebenen die Handhabung der virtuellen Erbschaft zu erleichtern, ist es ratsam, alle wichtigen Daten zusammenzutragen und beispielsweise mit dem Testament oder anderen wichtigen Unterlagen, wo sie dann auch gefunden werden, aufzubewahren. So können sich die Erben in den Accounts des Verstorbenen einloggen und diese löschen. Natürlich haben die Erben als Rechtsnachfolger des verstorbenen Erblassers ohnehin das Recht hierzu, müssen ohne entsprechende Zugangsdaten aber mit den Betreibern der sozialen Netzwerke, Hostern der Webseiten und anderen Dritten in Kontakt treten und dort ihre Erbenstellung nachweisen, um auf den digitalen Nachlass des Verstorbenen zugreifen zu können.

Wer auch für die virtuelle Erbschaft vorsorgt und beispielsweise alle relevanten Daten zusammenstellt, nimmt seinen Hinterbliebenen eine große Last und macht es ihnen deutlich leichter, den digitalen Nachlass zu verwalten. Darüber hinaus wird so das Risiko minimiert, dass Teile des digitalen Nachlasses schlichtweg vergessen werden.

Virtuelle Erbschaft von Profis abwickeln lassen

Als Laie, der das Internet zwar nutzt, aber keine tiefergehenden Kenntnisse hat, könnte man mitunter mit der Regelung einer virtuellen Erbschaft überfordert sein. Dann stellt sich die Frage, an wen man sich bezüglich des digitalen Nachlasses wenden kann. Nachdem in den USA einige Unternehmen virtuelle Erbschaften als Geschäftsfeld für sich entdeckt haben, gibt es mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum Profis, die sich mit digitalen Nachlässen befassen und gewissermaßen als digitale Nachlassverwalter tätig werden. Mit diesem speziellen Nachlass können die üblichen Nachlassverwalter früherer Zeiten noch nicht viel anfangen.

Experten auf dem Gebiet der virtuellen Erbschaften sind für künftige Erblasser und Erben gleichermaßen wichtige Ansprechpartner, die ihnen bei der Verwaltung des digitalen Nachlasses behilflich sind und diese Aufgabe übernehmen können. Im Gegensatz zu anderen wichtigen Unterlagen findet man die Online-Daten des Erblassers nicht in dessen vier Wänden und benötigt entsprechendes Fachwissen, um an den richtigen Stellen zu suchen. Damit die virtuellen Profile und Online-Daten des Verstorbenen im Sinne der Hinterbliebenen und des Erblassers verwaltet werden, sollte man die virtuelle Erbschaft gegebenenfalls Profis überlassen. Im Rahmen einer Analyse des Computers des Verstorbenen und dessen Internetnutzung können sich digitale Nachlassverwalter einen Überblick verschaffen. Natürlich kann man sich auch als künftiger Erblasser an ein entsprechendes Unternehmen wenden und so vereinbaren, was mit dem digitalen Nachlass geschehen soll.

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